Selbstwert entwickeln im Gespräch in der Partnerschaft ist anspruchsvoll. Denn hier geraten Gespräche oft aus der Balance: Erwartungen ersetzen Präsenz, Nähe wird mit Selbstaufgabe verwechselt, und unausgesprochene Mängel sollen vom Gegenüber gefüllt werden. Partnerschaft ist der Ort, an dem Nähe, Distanz und Selbstwert sich am schonungslosesten begegnen. Wie durch ein Brennglas zeigt sich, ob wir im Gespräch bei uns bleiben und zugleich in Verbindung sein können – oder ob wir uns verlieren, um geliebt zu werden. Was das konkret für dich bedeutet, wie die Verbindung entsteht, die du dir wünschst, was sie verhindert und weshalb all das tief mit deinem Selbstwertgefühl verbunden ist, erfährst du in diesem Artikel – systemisch, sprachlich und auf der Ebene des Nervensystems.
Selbstwert und Beziehungszufriedenheit: Illusion und Wahrheit
Partnerschaft ist kein romantischer Schonraum. Sie ist ein Resonanzfeld. Alles, was innerlich ungeklärt ist, wird hier sichtbar, hörbar und manchmal schmerzhaft spürbar. Besonders deutlich wird das dort, wo Beziehungskonflikte die gegenseitige Augenhöhe beeinträchtigen.
Viele Beziehungen scheitern nicht an mangelnder Liebe. Doch häufig wird das Gefühl der Zuneigung füreinander zugedeckt von einem inneren Mangel, der vom Partner oder der Partnerin gedeckt werden sollte. Der Gedanke dahinter klingt harmlos, ist aber hochwirksam und auch zerstörerisch:
“Wenn du endlich einfühlsam wärst – genauso, wie ich es brauche –, dann wäre ich glücklich.”
Das ist eine Illusion. Und mehr noch: Es ist eine subtile Form von Manipulation, die die Verantwortung für sich selbst abgibt und das Glücklich-Sein delegiert. Mit einem stabilen Selbstwert ist die Resilienz höher, wenn nicht gerade das passiert, was man sich wünscht. Ein niedriger Selbstwert delegiert, weil man sich selber gar nicht zutraut, dass man gut für sich sorgen kann – oder will.
Selbstwert und der eigene Ausdruck: Eigene Bedürfnisse und Erwartungen
Eine Beziehung auf Augenhöhe verlangt einiges von uns, damit wir nicht in der Eskalation landen und gemeinsam positive Erlebnisse und Erfahrungen machen.
🔹Präsenz im Moment des Gesprächs
🔹Verbindung mit sich selbst vor der Verbindung mit dem Gegenüber
🔹 Übernahme der Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse, also Bedürfnisse abklären
🔹Die eigenen Bedürfnisse ernst nehmen und ohne Erwartungen aussprechen (schwierig und wichtig!)
🔹 Verbindung zum Gegenüber und empathisches Zuhören
🔹 Klare Grenzen setzen. Nein sagen.
🕸️ System und Selbstwert in der Partnerschaft
Aus systemischer Sicht entsteht Partnerschaft aus zwei eigenständigen Systemen. Treffen sie sich auf Augenhöhe, entsteht ein drittes Feld: die Beziehung selbst. Dieses Feld kann nur stabil sein, wenn beide die Verantwortung für sich und ihre emotionalen Reaktionen vollumfänglich übernehmen.
Sobald in dieser Beziehung eine:r erwartet, dass das Gegenüber
🕸️ einen inneren Mangel ausgleicht und auf Abruf empathisch ist
🕸️ eine Anweisung ausführt, ohne damit wirklich einverstanden zu sein
🕸️ akzeptiert, wenn “jemand es besser weiss” und das Gegenüber bewertet
kippt dieses Beziehungsfeld und es geht ein gegeneinander Ringen und Ziehen los. Wer hat Recht? Wer weiss es besser? Wer ist schuld?
Genauso kippt dieses gleichwertige Beziehungsfeld, wenn
🕸️ Verantwortungen füreinander übernommen werden, die man nur selber füllen kann
🕸️ sich eine:r oder beide anpassen – meist an Situationen, die nicht besprochen sind und auf Annahmen beruhen
🕸️ man “den andern” glücklich sehen möchte und alles dafür tut (meist ungefragt – Annahmen!)
🕸️ das Gegenüber nicht verletzen möchte
Das alles schafft vor allem Missverständnisse, schädigt schliesslich das Vertrauen und macht die Beziehung instabil – auch wenn es gut gemeint ist.
Meist steht der Gedanke an Trennung im Raum, weil beide nicht mehr weiter wissen und sich ohnmächtig fühlen.
Einander verstehen (wollen) liegt ausser Reichweite und niemand zieht in Betracht, den eigenen Selbstwert und seine Wirkung auf die Beziehung zu prüfen. Beide haben sich verloren und die innere Sicherheit ist am bröckeln. Und damit auch das Gefühl für den eigenen Selbstwert.
Was ist passiert und wie können die beiden wieder zu sich und ihrem Selbstwert zurückfinden?
🧠 Körper und Selbstwert in der Partnerschaft
Der Körper spielt bei schwierigen Dynamiken in einer Beziehung eine zentrale Rolle. Über 90% unserer Kommunikation ist unbewusst! Wir erkennen weder die Dynamik, die sich in diesem Moment abspielt, noch, wie sie sich aufgebaut hat und welchen Anteil wir selber daran haben.
Meist geht die eigene Aufmerksamkeit zum Du und dort zur Suche nach Fehlern, die behoben werden müssten, damit die Eskalation sich legt.
Es ist uns nicht bewusst, wie wichtig der Körper ist und wieviel er mit seinen tief im Hirn verankerten Reaktionsmustern mit dazu beiträgt, dass es überhaupt eskaliert.
Unser Nervensystem ist dafür verantwortlich, uns zu schützen. Das macht es, indem es permanent kontrolliert, ob die Situation für uns sicher, bedrohlich oder lebensbedrohlich ist. Die Referenzbibliothek dazu ist abgespeichert in tiefliegenden Hirnarealen, die dafür zuständig sind, unsere Emotionen zu regulieren. Diese “Bibliothek” wurde in den ersten Kindheitsjahren angelegt und ist unsere Basis, die uns durchs Leben begleitet.
Da wir ganz Unterschiedliches erlebt haben, sind auch die Referenzen, die unsere unbewussten Handlungsmuster steuern, sehr unterschiedlich. Sich das vor Augen zu führen, wenn eine Situation eskaliert, hilft uns selber einfühlsamer begegnen zu können und gleichzeitig zu akzeptieren, dass auch das Gegenüber seine tief geprägten Muster hat. Ein Wechselspiel, das meist perfekt ineinander greift und die Beziehung stärkt, wenn wir uns dieser Dynamik bewusst sind.
Zuerst die Aufregung und damit das Nervensystem zu beruhigen, erlaubt überhaupt wieder klar zu denken. Und es erhöht die Chance, uns selbst und das Gegenüber in seiner Ohnmacht und seiner Not wahrzunehmen und vielleicht sogar zu verstehen. Das schafft Verbindung – zu sich und zum Gegenüber.
💬 Sprache und Selbstwert in der Partnerschaft
Die frühkindlichen Muster prägen unseren Selbstwert und unsere Gesprächsgewohnheiten – auch in unseren Beziehungen. Was wir erlebt haben und wie wir darauf reagiert haben, hat das Bild von uns selbst und unsere Reaktionen geprägt. Manchmal sind sie wunderbar und helfen uns durchs Leben. Manchmal blockieren sie uns und wir reagieren nicht mehr voll verantwortlich für uns selbst. Wir beginnen Erwartungen an unser Gegenüber zu stellen. In diesem Moment ist es wichtig, dass du wir “stop” sagen, atmen und wieder zu uns selbst zurückfinden.
Mit uns einfühlsam zu sein, hilft,
💬 zu uns zurückzufinden
💬 uns in unserem Körper wieder zu fühlen
💬 die Verantwortung für uns wieder zu übernehmen
💬 erneut unsere Bedürfnisse wahrzunehmen
💬 und sie in einer erwartungsfreien Ich-Botschaft mitzuteilen
💬 bereit zu sein, an unserem Gegenüber interessiert zu sein und ihm zuzuhören
Zu uns zurückzufinden, unseren Körper wieder zu spüren, unsere Bedürfnisse herauszufinden und auf Augenhöhe mitzuteilen, steigert den eigenen Selbstwert beträchtlich.
Fazit: So bleibt der eigene Selbstwert in der Partnerschaft stabil
Selbstwert in Beziehungen entwickelt sich weder durch Anpassung und noch durch Forderung. Er kann dort wachsen, wo zwei Menschen sich begegnen, sich zeigen und gleichzeitig bei sich bleiben. Und sich gegenseitig nicht benützen, um den inneren Mangel zu decken und damit brüchige Anteile des eigenen Selbstwerts zu stabilisieren.
Weitere Informationen, um den Selbstwert zu stärken
🔹 Hier geht es zu einem ausführlichen Blogartikel, wie du Selbstsicherheit und Selbstwert stärken kannst: https://soulspeeches.com/soulspeeches-com-selbstsicherheit-beginnt-innen/
🔹 Drei Tipps, wie du im Gespräch mit dir selbst, deinen Selbstwert stärken kannst: https://soulspeeches.com/selbstwert-staerken-3-tipps/
🔹Das Workbook “Dein innerer Kompass” führt dich durch die verschiedenen Kräfte, die deinen Selbstwert beeinflussen und deinen Selbstwert stärken.
🔹 auf der Seite Selbst.Bewusst.Sprechen stelle ich dir meine Präsenzseminare vor, die so aufgebaut sind, dass du automatisch deinen Selbstwert stärken und deine Selbstsicherheit entwickeln kannst.
Häufige Fragen zum Thema “Selbstwert entwickeln im Gespräch”
Warum ist es in der Partnerschaft im Gespräch so schwer, den eigenen Selbstwert zu halten?
Weil Partnerschaft alte Bindungsmuster aktiviert. Nähe triggert früh gelernte Strategien, mit Unsicherheit umzugehen. Im Gespräch zeigt sich dann schnell, ob Selbstwert innerlich verankert ist oder ob er vom Verhalten des Gegenübers abhängt.
Woran erkenne ich, dass ich im Gespräch den Kontakt zu meinem Selbstwert verliere?
Typische Hinweise sind innere Anspannung, Rechtfertigungen, Anpassung trotz innerem Widerstand oder Erwartungen, die unausgesprochen bleiben. Oft wird der eigene Standpunkt relativiert, um Nähe oder Harmonie zu sichern.
Warum verschärfen Erwartungen an das Gegenüber Beziehungskonflikte?
Weil Erwartungen häufig aus einem inneren Mangel entstehen. Wird dieser dem Gegenüber übertragen, kippt die Augenhöhe. Verantwortung wird delegiert und das erzeugt Druck, Widerstand oder Rückzug.
Welche Rolle spielt das Nervensystem bei Eskalationen in Partnerschaften?
Ein aktiviertes Nervensystem schränkt Wahrnehmung und Sprache ein. In diesem Zustand wird reagiert statt gesprochen. Erst Beruhigung ermöglicht Klarheit, Selbstkontakt und ein Gespräch auf Augenhöhe.
Wie kann Selbstwert im Gespräch konkret gestärkt werden?
Indem Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse übernommen wird, Grenzen klar benannt werden und Sprache wieder aus dem Kontakt mit sich selbst entsteht. Selbstwert wächst dort, wo Präsenz, Körperwahrnehmung und bewusste Sprache zusammenkommen.
Bildquellen: Beitragsbild | ©Canva Pro

Danke für diesen sehr aufschlussreichen Beitrag, liebe Renata, der mir verdeutlicht, warum viele Beziehungen scheitern (müssen). Selbst bin ich in der glücklichen Situation, in einer Partnerschaft auf Augenhöhe leben zu können. Wir arbeiten daran – jeden Tag. Und es zahlt sich aus.
✨ Zauberhafte Grüße
Birgit
Sehr gerne, Birgit! Genau!
Partnerschaft auf Augenhöhe ist schön und ergreifend…und kein Sonntagsspaziergang 😄
Ich habe diesen Artikel gestern mit Freuden und ohne KI (die schafft dieses vernetzte Denken nicht so gut) geschrieben! Ich danke dir für deine Fragen letzte Woche, die mich dazu bewogen haben, diese Serie zu schreiben! Nächste Woche kommt der Blick auf die Familie.