Die Prägungen und Handlungsstrategien, die wir in unseren frühesten Kindheitsjahren gelernt und tief in unserem Hirn abgespeichert haben, formen unseren Blick auf die Welt, unsere innere Haltung und deshalb auch unser Gesprächsverhalten, kurz gesagt unser gesamtes Leben.

In unseren Trainings und in meinen Coachings sprechen wir von «Prägung» und meinen damit die Handlungsstrategien und die Sprache, die wir uns durch unsere Erfahrungen in den ersten Lebensjahren angewöhnt haben. Wir meinen damit aber auch traumatische Erlebnisse, die sich in unserem Körper festgesetzt haben und unsere alltäglichen Handlungen massgeblich beeinflussen. Je tiefer ich mich mit dem Thema «Trauma und seine Auswirkungen auf unser Verhalten im Alltag» beschäftige, desto klarer wird für mich, dass wir alle mehr oder weniger in traumatischen Erfahrungen gefangen sind. Sie prägen und formen unser Leben – sowohl gesamtgesellschaftlich als kollektives Trauma als auch individuell im einzelnen Lebensverlauf. Was mir auch klar geworden ist: Traumatische Erlebnisse sind nicht nur Erfahrungen wie Krieg, Flucht, Mord und Übergriffe.  Alle Erlebnisse, die uns zutiefst ohnmächtig machen und uns überfluten, so dass unser Nervensystem unter Stress gerät und wir uns in der Folge der Welt nicht mehr vertrauensvoll zuwenden können, gehören dazu.

 

Definition von Trauma

Der Ursprung des Wortes «Trauma» ist das griechische Wort für «Wunde». Ein Trauma ist eine Wunde, über der sich als Teil des Heilungsprozesses Narbengewebe bildet. Ist die Wunde groß, bildet sich eine große Narbe und an dieser Stelle fehlen Nervenenden, so dass man dort nichts fühlen kann. Außerdem ist diese Stelle viel weniger flexibel als das normale Gewebe. Ein Trauma liegt vor, wenn jemand weniger fühlt und wenn er oder sie weniger flexibel auf die Welt reagieren kann. Das ist die Reaktion auf eine Verwundung. (Das ist die Definition von Dr. Gabor Maté, kanadischer Arzt und Traumaspezialist.)

 

Trauma und Aufstellung

Ein weiterer Punkt, der mir immer wieder auffällt und der sich auch in Aufstellungen zeigt, die ich mit Menschen in Einzelsitzungen oder in Gruppenarbeiten mache: Wenn das Trauma aufgestellt wird, gemeinsam mit den Komponenten Verbindung und Autonomie (andere gebrauchen dafür das Wort Authentizität), ist der Versuch, sich in irgendeiner Form vom Trauma abzuwenden gross. Der Schmerz war damals als wir überflutet wurden, einfach zu gross und das möchten wir auf keinen Fall nochmals spüren. Also tun wir alles mögliche (das uns im Erwachsenenleben nicht mehr gut tut), um mit  der Verletzung nicht mehr in Kontakt zu kommen. Doch durch den Prozess, sich dem Trauma zuzuwenden entsteht Entlastung. Die einzelnen Wesensteile können sich wieder richtig ordnen und das Trauma bekommt ebenfalls seinen Platz und seine Würdigung. Denn durch diese Erfahrung(en) sind wir zu denen geworden, die wir sind. Wir gehören alle zum Narbenclan! Durch diese Erkenntnis und diesen Akt der Eigenliebe entsteht tiefe Heilung und innerer Frieden.

 

Durch Eigenliebe können wir wieder Fühlen

Diese Zuwendung zu uns selbst in Akzeptanz und wertfreiem Betrachten bewirkt, dass wir unsere Gefühle wieder wahrnehmen. Nicht nur die zufriedenen und glücklichen, sondern alle Gefühle. Dadurch kann das Lebendige wieder durch uns fliessen und es ist so, als ob die Narbe wieder Nervenenden bekommen würde. Und weil wir wieder mit unserer Lebendigkeit verbunden sind, empfinden wir eine Ganzheit, die vorher nicht zu spüren war. Einige Verhaltensweisen fallen dadurch unversehens von uns ab:

  • Selbstverurteilung
  • Scham- und Schuldgefühle
  • festhalten an unerreichbaren Zielen und Perfektionismus
  • alle Arten von Sucht

 

Trauma und Gesprächsgewohnheiten

Wenn wir diese Definition kennen, landen wir sofort auch bei unseren Gesprächsgewohnheiten. Wann immer unsere «roten Knöpfe» gedrückt werden, wir aktiviert sind und keine freie Entscheidung treffen können, wie wir reagieren wollen, sind wir in Kontakt mit dieser Verwundung. Normalerweise ist uns das nicht bewusst, denn wir versuchen, uns mit verschiedenen Strategien von der Wunde abzuwenden. Wenn wir uns von dieser Grundverletzung abwenden, sind wir nicht in Kontakt mit uns selbst und können deshalb auch nicht mit unserem Gegenüber im Kontakt sein. Hier einige gängige Reaktionen, die daraus entstehen und allesamt eskalierend sind:

  • Wut und eine wütende Gegenwehr
  • Abwertung der anderen Person, innerlich oder ausgesprochen
  • Abwertung der eigenen Person, innerlich oder ausgesprochen
  • Angst, Ohnmacht und Rückzug

Hier eine weitere Definition von Dr. Gabor Maté: «Trauma ist nicht das, was dir jetzt passiert, sondern es ist das, was als Resultat dessen, was dir passiert ist, in deinem Inneren stattfindet.» Genau! Bei all diesen Reaktionen sind wir nicht in Kontakt, weder mit uns noch mit dem Gegenüber und können wenig fühlen. Wir können deshalb nicht kompetent reagieren und uns emotional schnell wieder regulieren. Ganz häufig machen wir Annahmen, die nichts mit dem Gegenüber, sondern mit unseren (unbewussten) Erfahrungen zu tun haben und mit diesen Annahmen und unverbunden mit uns selbst «ziehen wir dann in die Schlacht». Ganz häufig mit denjenigen Personen, die uns am liebsten sind. Natürlich macht uns unser Verhalten unglücklich, beschämt uns und häufig fühlen wir uns schuldig.

 

Gesprächsgewohnheiten verändern, um glücklicher zu sein

Sind wir eigentlich mit unseren Gesprächsgewohnheiten bereits auf die Welt gekommen und ist uns der «Schnabel einfach so gewachsen»? Man könnte es meinen, denn unsere Reaktionen und unsere Ausdrucksweisen, unsere dahinter liegenden Werte und unsere allgegenwärtigen Annahmen und Bewertungen sind so vertraut und selbstverständlich, dass wir uns etwas anderes nur schwer vorstellen können. Doch: Gesprächsverhalten ist gelernt und kann verändert werden! Was es dazu braucht, ist die Lust und die Entscheidung, sich selber zu erforschen, sich liebevoll sich selbst zuzuwenden und Neues dazu zu lernen. Zum Beispiel zu erforschen und zu erfahren wie

  • Gleichwertigkeit sich im Gespräch anfühlt, unabhängig von der Rolle, in der wir uns befinden
  • sich Gefühle zeigen, sobald wir es fertig bringen, die Annahmen zur Seite zu legen
  • damit automatisch die tiefer liegenden Bedürfnisse aufscheinen, die sonst im Verborgenen liegen
  • der eigene Ausdruck authentisch, klar und verbunden wird, wenn wir uns erlauben, für uns Verantwortung zu übernehmen und zu heilen

Alle diese Komponenten und einige mehr sind Teil der «Wurzelarbeit», die wir in unseren Trainings gestalten. In einem sicheren Raum schauen wir liebevoll und wertfrei auf die Wurzeln der Wunde, die dieses unerwünschte Verhalten kreiert und gestalten Alternativen, die im Alltag einfach umzusetzen sind. Und das alles mit viel Lebendigkeit, Leichtigkeit und Humor.

 

«Familien stellen» und erweiterte Gewaltfreie Kommunikation

«Familien stellen», wie man der systemischen Strukturaufstellung auch sagt, ist ein wichtiger Aspekt, denn sie kann der Person, die ein System aufstellt, zeigen, weshalb sie immer wieder in dieselben Kommunikations- und Handlungsmuster rutscht, obwohl sie das gar nicht möchte. Wir wissen jetzt bereits: Die Art und Weise, wie wir unsere Gefühle und Bedürfnisse ausdrücken, hat mit der frühen Kindheit zu tun. Die damals gelernten Handlungsstrategien und Gesprächsmuster halten unbewusst noch immer das Zepter in der Hand, wenn wir unter Druck geraten.

Aufstellungen zeigen die verdeckten Dynamiken in einem System und die aufstellende Person kann diese mit der Aufstellung und dem Bewusstsein für die Dynamiken verändern. Die erweiterte Gewaltfreie Kommunikation, die ich entwickelt habe, ergänzt diese Erkenntnisse. Sie zeigt, wie sich Menschen ausdrücken können, so dass sie gehört werden und gleichzeitig auch fähig werden zuzuhören. Damit haben sie die Chance, dass sich ihre Bedürfnisse erfüllen, meist mit Leichtigkeit und Wohlwollen. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse ins Zentrum zu stellen und auszudrücken, bedeutet Verantwortung für sich zu übernehmen und sich zu zeigen. Durch das Äussern von Gefühlen und Bedürfnissen entsteht eine Verbindung zum Gegenüber. Dadurch entsteht Klarheit und ein wertschätzendes Miteinander. Man könnte sagen: Aufstellungen enthüllen die Dynamiken des gesamten Systems, die Werte und die innere Haltung. Die erweiterte Gewaltfreie Kommunikation unterstützt den klaren, wertschätzenden Ausdruck in einem Gespräch.

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